Mythos Schinderhannes

 

Die Lawine, die den Mythos Schinderhannes im 19. Jahrhundert entstehen ließ und die Bekanntheit des Räubers schlagartig über Hunsrück und Nordpfalz hinaus vergrößerte, wurde ausgelöst durch die Verordnung des Generalregierungskommissär Jollivet am 7. Dezember 1800: Im Gesetzblatt der vier neuen, zu Frankreich gehörenden linksrheinischen Departemente befahl er die „schleunige Arretierung und Bestrafung der Rädelsführer der Räuberbande“. Mit dieser Räuberbande meinte Jollivet einen „Namens Pickler, genannt Schinderhannes, und mehrerer anderer Strassenräuber, die ihn für ihren Anführer erkennen (...)“. Diese würden „bewaffnete Banden von Mordbrennern, Mördern und Dieben organisiren, die durch ihre häufigen Frevelthaten die individuelle Sicherheit der Personen und des Eigenthums stören (...)“. Kurz nachdem Frankreich die Initiative ergriffen hatte, folgte Preußen. Es errichte in Wesel eine „Immediat-Kommission“, um die Gefangennahme des Räubers zu beschleunigen. Beide Regierungen verloren aber damit die hauptsächlichen Übeltäter der rheinischen Schwerkriminalität aus den Augen: Leute wie Picard, Müller (Daumen), Heckmann, Weber (Fetzer) oder Reinhardt (Schwarzer Jonas) waren einige der maßgeblichen Köpfe eines ganz Mitteleuropa überziehenden Netzes von hauptberuflichen Mördern, Räubern und Dieben.
Immer häufiger benutzten diese, aber auch viele kleine Kriminelle, den Namen Schinderhannes, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Der echte Schinderhannes war jedoch bis zum Ende des Jahres 1800 noch nicht zu den „Großen“ aufgestiegen, auch wenn er bereits einige Spuren von roher Gewalt hinterlassen hatte.

Es führt an dieser Stelle zu weit, die einzelnen Quellen aufzuführen, die nun den sagenhaften Schinderhannes, den romanesken Räuberhauptmann und Robin Hood, entstehen ließen (siehe dazu ausführlich die Veröffentlichungen). Verantwortlich dafür sind aber zwei Autoren, die ohne Recherche nach dem wahrhaften Räuber bereits 1802 – Schinderhannes wurde zu dieser Zeit nach Mainz ins Gefängnis geführt – weitgehend bzw. vollständig erfundene Biographien über ihn auf den Markt brachten. Mit Breughel (ca. 1870), Czerwonka (um 1920) und einem dritten anonymen Autor dieser Zeit, der letztere veröffentlichte in Form von Groschenheften einen 4.800seitigen Abenteuer- und Liebesroman über Schinderhannes, war der „Held“ unsterblich geworden. Zuckmayer las diese Hefte in seiner Jugend, Elwenspoek („Der rheinische Rebell“ 1925) und Bernhardt (Regisseur des ersten Schinderhannes-Filmes 1927) wurden durch sie beeinflußt. In dieser Folge war Käutners Film von 1957, in dem Schinderhannes von Curd Jürgens gespielt wurde, der Endpunkt der Verklärung, die die historische Figur aus den Augen verloren hatte.

Wer denkt heute noch an die Opfer und die Hunderte von Personen und Familien, die durch die Repressalien des Räubers ihre Heimat aufgaben und auswanderten ?